roshiva geboren in Bennari/Indien;
sanskritkundiger Privatier
und Schamane; Chefideologe
 
Theophretische Ragmente
I. (01.01.02)
Kunst ist immer das scharfe Gesicht, das mitten im Chaos Form erblickt.
Ausgestellte Kunst ist das Dokument (frei übersetzt: die Geistesleehre des so Gefundenen. Sie ist genau dann ein solches, wenn sie Anderen zum Augen-Blick verhilft und in Folge Dritten das Gesicht schärft, dh. aus Nachkommen Vorbilder schafft.
Insofern ist sie immer entweder emanzipatorisch & revolutionär - oder eben nicht Kunst.

II. (22.01.02)
Ein Nachfolger Jesu Christi zu sein ist einfach; hat er doch selbst gesagt, sein Joch sei sanft und seine Last leicht. Es ist nicht einmal nötig, das Gleiche zu tun & zu leiden wie er, sondern es genügt, sein Gebot zu befolgen, nämlich Gott und die Nächsten zu lieben wie sich selbst, so folgt man ihm schon nach.

Ein Nachfolger des Josef Beuys zu werden ist dagegen ungleich schwerer. Es genügt nämlich nicht, dafür etwa das Gleiche zu tun & zu erdulden wie B., und erst recht nicht, seine Regeln zu befolgen. Sondern erst dann, wenn man sie überwindet und ihn so überholt, ihm also vorangeht, erreicht man seine Nachfolge.

III. (27.01.02)
Wir suchen zwei Dinge: 1. das Andere und 2. das Gleiche.
Uns selber kennen wir ja; darum suchen wir, was wir noch nicht kennen: Um uns selbst zu vergessen.
Uns selber kennen wir nicht; darum suchen wir, was so wie wir sein könnte: Um uns selbst zu finden.

Alles, was wir überhaupt je erkennen können: Ob es gleich oder verschie- den ist. Ach, daß doch ein Biß in einen Apfel dafür reichte! Aber nicht einmal die Frage von gut & böse kann ein Apfelbiß endgültig entscheiden (egal ob verboten oder nicht).
Und wenn der Vergleich verboten wäre: Ob Apfel, ob Feige? Immerhin: Wenn ich in den Apfel beiße - wen beißt dann der Apfel?! (Die Feige frißt den Esel, denn der Bandwurm verschlingt den Menschen.) Ob ich vielleicht doch lieber eine Pflaume ...

Ich bin der Biß - und ohne zu beißen bin ich nirgendwo, im Nichts. Morgen gehe ich zum Zahnarzt und lasse mir die Eckzähne spitzen.

IV. (24.03.02)
Ein Schauspieler, der eine Rolle einübt, fängt damit an, daß er so tut "als ob". Mimesis. Er tut so, als sei er Hamlet, und mit zunehmender Übung wächst er in seine Rolle hinein, solange, bis er endlich zum Hamlet geworden ist, zu seiner speziellen Version des Hamlet. Das Publikum zollt ihm Beifall für die Illusion, daß da wirklich Hamlet vor ihm stehe. Je perfekter die Illusion, je besser es also dem Schauspieler gelingt, seine eigene Persönlichkeit hinter der Maske zu verbergen, um so besser seine Leistung. Er soll so gut lügen, daß seine Lüge von der Wahrheit nicht mehr zu unterscheiden ist. Dadurch, daß er selber verschwindet, schafft er eine neue Wahrheit.

Einem Laiendarsteller - mag er sich auch noch so sehr bemühen - kann diese Illusion nicht voll gelingen. In jeder Sekunde sieht man, daß da nicht Hamlet steht, sondern einer, der den Hamlet darstellt. Er hantiert mit den Attributen, den Symbolen des Hamlet, und das Publikum - da es weiß, daß er ein Laie ist - verzeiht ihm den Bruch der Illusion und belohnt ihn mit Beifall für Anstrengung & Geschick, womit er die Symbole jongliert. Die Wahrheit des Laien ist Darstellung, dh. die Feinmechanik der Symbole, der Bedeutungen. Sie zielt nicht auf das Sein, sondern auf dessen Reflektion im Intellekt.

Der Performance-Künstler weiß um diese Dinge. Er ist zugleich Mime & Laie und ebenso weder Schauspieler noch Darsteller. Er stellt nichts weiter dar als sich selbst, und ist darum immer wahr. Mit welchen Requisiten und Verkleidungen auch immer er agiert - im Grunde steht er nackt vor seinem Publikum. Die Wahrheit, die er präsentiert, ist er selbst. Auch dann, wenn er eine Maske benutzt, geht es ihm weder darum, dem Publikum bloße Illusion zu bieten, noch ist er damit zufrieden, nur die Intellekte zu füttern. Er zielt auf das Publikum selbst. Seine Wahrheit ist existenti- ell. Es geht ihm darum, daß die Maske die dahinter stehende Persönlich- keit verdeutlicht anstatt versteckt. Er zeigt, daß Attribute mehr als nur Dekor und das Geflecht der Symbole mehr als leehre Mechanik sind. Er lebt das, was er darstellt - und stellt sein Leben dar & aus. Diese Einheit zu erreichen, ist sein Maß der Qualität. Braucht er etwa Beifall dafür? Aber dennoch Publikum!
V. (17.08.02)
Die Gedanken sind Blei!
Kein Koch kann sie braten!
Sie reißen entzwei
- wie wollene Matten.
Kein Hund kann sie pissen!
Kein Gärtner begießen!
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind Brei!